Eines meiner größten Probleme ist es, dass ich das Gefühl habe, nichts Brauchbares zu sagen zu haben.
Ryan Holiday beschäftigt sich in seinem Artikel So You Want To Be A Writer? That’s Mistake #1 genau mit diesem Thema. Er zitiert in der Einleitung Schopenhauer (aus Kapitel XXIII von Parerga und Paralipomena II, “Ueber Schriftstellerei und Stil”):
Zuvörderst gibt es zweierlei Schriftsteller: solche, die der Sache wegen, und solche, die des Schreibens wegen schreiben.
Doch auch der Rest des Abschnitts ist äußerst lesenswert:
Jene haben Gedanken gehabt, oder Erfahrungen gemacht, die ihnen mitteilenswert scheinen; Diese brauchen Geld, und deshalb schreiben sie, für Geld. Sie denken zum Behuf des Schreibens. Man erkennt sie daran, daß sie ihre Gedanken möglichst lang ausspinnen und auch halbwahre, schiefe, forcierte und schwankende Gedanken ausführen, auch meistens das Helldunkel lieben, um zu scheinen was sie nicht sind; weshalb ihrem Schreiben Bestimmtheit und volle Deutlichkeit abgeht. Man kann daher bald merken, dass sie um Papier zu füllen schreiben: bei unsern besten Schriftstellern kann man es mitunter: z.B. stellenweise in Lessings Dramaturgie. Sobald man es merkt, soll man das Buch wegwerfen: denn die Zeit ist edel. – Honorar und Verbot des Nachdrucks sind im Grunde der Verderb der Literatur. Schreibenswertes schreibt nur, wer ganz allein der Sache wegen schreibt. Welch ein unschätzbarer Gewinn würde es sein, wenn, in allen Fächern einer Literatur, nur wenige, aber vortreffliche Bücher existierten. Dahin aber kann es nie kommen, solange Honorar zu verdienen ist.
Hier hat Schopenhauer schon 1851 das Dilemma erkannt, in dem jeder steckt, der mit dem Schreiben seinen Lebensunterhalt bestreiten will: dass die materiellen Notwendigkeiten uns dazu verleiten können, unsere schöpferische Integrität zu kompromittieren.
Ryan Holiday beklagt in seinem Artikel vor allem, dass Leuten, die schreiben wollen, alles Mögliche empfohlen wird - nur nicht, erst einmal etwas Interessantes zu tun. Denn was braucht es für ein interessantes Schriftstück? Dass man etwas getan oder erlebt hat, das es wert ist, darüber zu schreiben.
Das muss kein Abenteuer sein, das man erlebt hat oder eine bahnbrechende neue Entdeckung. Es kann auch nur einfach bedeuten, dass man sich intensiv mit einem Thema beschäftigt hat und die Ergebnisse dieser Beschäftigung im Schreiben präsentiert. Das scheint mir der richtige Zugang zu sein, wenn man wie ich tendenziell ständig in seinem Kopf lebt.
Wenn ich mich zum Schreiben setze, dann bin ich mit dem, was ich geschrieben habe, meist zuerst unzufrieden, weil es schal und seicht ist, weil ich nichts Sagenswertes sage. So fühle ich mich, weil ich mir noch nicht die notwendige Mühe gemacht habe, in die Tiefe zu gehen. Bevor aus dem Geschriebenen etwas Sagenswertes werden kann, muss ich mehr Material sammeln und den Dingen auf den Grund gehen.
Jeder Mensch hat eine Meinung, doch einfach nur unreflektiert seine Meinung aufzuschreiben, bietet dem Leser in der Regel noch keinen Mehrwert. Zuerst müssen wir tiefer gehen und die eigene Meinung in einen größeren Zusammenhang bringen, der für alle relevant ist.
In diesem Zusammenhang beschäftigt mich in letzter Zeit häufig ein Gedanke: Schreiben ist das Destillieren von dem, was wir gelesen und erlebt haben - von all dem, was uns ausmacht und dem wir uns aussetzen. Natürlich kommen am Ende vielleicht noch komplett eigene neue Gedanken und die Würze der eigenen Persönlichkeit hinzu, aber am Ende ist das Geschriebene das, was nach vielen Filtervorgängen vom eigenen Leben noch übrig bleibt. Unser mentales Innenleben konstruiert sich zum Großteil aus dem, was wir konsumiert haben.
Einer meiner liebsten Substack-Autoren ist der Wirtschaftswissenschaftler Noah Smith. Auch von ihm gibt es Empfehlungen zum Schreiben. Seine erste Empfehlung: Nur dann zu schreiben, wenn man schreiben muss, weil man es nicht sein lassen kann. Das trifft auf mich zu, denn sonst würde es mich nicht immer wieder dazu treiben, mich an die Tastatur zu setzen. Es ist dasselbe Argument wie Rilke seinerzeit in seinen berühmten Briefen an einen jungen Dichter so wortgewandt beschreibt:
Niemand kann Ihnen raten und helfen, niemand. Es gibt nur ein einziges Mittel. Gehen Sie in sich. Erforschen Sie den Grund, der Sie schreiben heißt; prüfen Sie, ob er in der tiefsten Stelle Ihres Herzens seine Wurzeln ausstreckt, gestehen Sie sich ein, ob Sie sterben müssten, wenn es Ihnen versagt würde zu schreiben.
Dieses vor allem: Fragen Sie sich in der stillsten Stunde Ihrer Nacht: muss ich schreiben? Graben Sie in sich nach einer tiefen Antwort. Und wenn diese zustimmend lauten sollte, wenn Sie mit einem starken und einfachen ich muß dieser ernsten Frage begegnen dürfen, dann bauen Sie Ihr Leben nach dieser Notwendigkeit; Ihr Leben bis hinein in seine gleichgültigste und geringste Stunde muß ein Zeichen und Zeugnis werden diesem Drange. Dann nähern Sie sich der Natur. Dann versuchen Sie, wie ein erster Mensch, zu sagen, was Sie sehen und erleben und lieben und verlieren.
Weiter meint Noah Smith, dass er schreibt, um seine Gedanken zu organisieren und sich ein Bild von der Welt zu machen. Auch dieser Zugang ist mir wohlvertraut. Solange ich über eine Sache nur nachdenke, ist alles diffus und offen - beim Schreiben wird es dann konkret und es zeigt sich, wo die Gedanken noch Löcher haben. Das ist meistens eine ziemlich niederschmetternde Erfahrung - denn der erste Entwurf ist in der Regel ein schreckliches Fragment, sowohl in Stil als auch in Substanz.
Der eigentliche Grund aber, warum ich hier auf seinen Artikel verweise, kommt erst jetzt: Um über etwas schreiben zu können, muss man erst etwas darüber gelesen haben. Einer von Noahs Doktorvätern hat ihm empfohlen, für jeden wissenschaftlichen Artikel, den er schreibt, 100 Artikel zu diesem Thema zu lesen. Das ist viel verlangt. Für Internet-Artikel senkt Noah diese Schwelle zwar auf eine Faustregel von circa 20 gelesenen Artikeln pro geschriebenem Artikel - doch auch das ist immer noch eine Menge Material, durch das man sich einmal arbeiten muss, ehe man noch ein Zeichen zu Papier bringt.
Ich bin meistens faul und schreibe lieber einfach, was mir eben gerade zu einem Thema einfällt, weshalb meinem Geschriebenen die Substanz fehlt. Mein Schluss daraus: Ich muss mehr lesen, mehr recherchieren und im Zweifelsfall seltener etwas veröffentlichen, wenn es nicht schneller geht. Ein gut geschriebener Artikel ist mehr wert als unzählige schnell hingeworfene.
Essayist Henrik Karlsson hat die Erfahrung gemacht, dass es sich lohnt, mehr Arbeit in einzelne Artikel zu stecken, an der Substanz zu arbeiten und seltener zu veröffentlichen. Weniger und dafür bessere Artikel zu schreiben läuft auch dem Trend entgegen, dass wir ohnehin bereits mit Informationen zugemüllt werden. Das Ziel sollte sein, dass sich die Leser stets darauf freuen, einen neuen Artikel von uns im Posteingang zu finden - weil man sich darauf verlassen kann, dass er Substanz haben wird. Es ist in seiner Komplexität und seinem Umfang ein Zwischending zwischen der kurzlebigen Natur vieler Internetinhalte und einem Buch, an dem sein Autor oft Jahre arbeitet.
Der Destillationsgrad eines Schriftstücks kann eine brauchbare Heuristik für seine Substanz sein. Wie viele Gedanken pro Wort enthält es? Das ist einer der Gründe, warum Bücher eher die Zeit überdauern als Artikel: Weil sie meist dichter sind. Warum sind sie dichter? Weil der Autor in der Regel viel mehr Zeit mit einem Buch verbringt als mit einem Artikel. Das Internet verlangt nach regelmäßigen Veröffentlichungen, während das Buch Geduld belohnt.
Nehmen wir ein paar Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe. Madeline Miller hat über 10 Jahre an “The Song of Achilles” gearbeitet, nachdem sie den ersten Entwurf nach fünf Jahren komplett weggeworfen und sich auch davor quasi ein Leben lang intensiv mit griechischen Mythen auseinandergesetzt hat. Donna Tartt hat ebenfalls beinahe 10 Jahre an jedem ihrer Romane geschrieben. Ich liebe die Stelle im Interview mit ihr über ihren Debüt-Roman “The Secret History”:
“Wie haben Sie es getan?" (Das Buch zu schreiben)
“Jeden Tag daran gearbeitet, acht Jahre lang.”
Natürlich gibt es hier Gegenbeispiele, wie zum Beispiel Stephen King, der verlässlich fast jedes Jahr einen neuen Roman oder eine neue Geschichtensammlung veröffentlicht. Wir können aber jeder nur so arbeiten, wie es unserer Natur entspricht - und für manche bedeutet das, mehr und länger an einzelnen Artefakten zu arbeiten.
In der Entstehungsgeschichte der Weltliteratur ist immer wieder zu sehen, dass die meisten Autoren einerseits lange an ihren Büchern gearbeitet haben - und andererseits die Zeit, in der das Buch geschrieben wurde, in Wahrheit nicht der Zeit entspricht, in der das Buch gereift ist. Das Material für das Buch hat sich oft in den Jahren und Jahrzehnten davor angesammelt, immer weiter angereichert. Die Schriftsteller haben sich einen reichen Fundus an Erfahrungen und Gedanken angeeignet, die sie in ihren Büchern verarbeiten und konzentrieren können.
Eine von Ryan Holidays Strategien zum Schreiben von Büchern ist, dass alles im eigenen Leben potentielles Material für Bücher ist. Alle Erlebnisse, alles Gelesene, das alles kann in Geschriebenes eingewoben oder verwandelt werden. Wenn ich nach dem Lesen eines Buchs die Lebensgeschichte der Autoren und ihre Einflüsse durchsehe, dann drängen sich die Parallelen häufig auf und es wird offensichtlich, woher sie das Material genommen haben.
Ein paar Beispiele aus der Weltliteratur:
Dostojewski hat circa zwei Jahre an den Brüdern Karamasow geschrieben, doch viele der Ideen des Romans waren im Jahrzehnt vor dem Buch bereits Gegenstand nie fertiggestellter Fragmente. Den jüngsten der Brüder benannte er nach seinem Sohn Aljoscha, der mit drei Jahren an Epilepsie starb und stattete ihn mit den Eigenschaften aus, die er in seinem Sohn gerne gesehen hätte. Die Figur des Staretz Sossima modellierte er nach den Aufzeichnungen eines Wandermönchs, die er in einem Kloster fand.
In Vladimir Nabokovs Lolita reisen Humbert Humbert und Lolita innerhalb der USA von Ort zu Ort zu Ort. Die detaillierte Kenntnis der Orte und Landschaften hat sich Nabokov im Rahmen seiner Vortragsreisen und seiner Schmetterlingsjagden angeeignet.
Herman Melville hat für Moby Dick auf seine mehrjährigen Erfahrungen als Seemann zurückgegriffen, unter anderem auch auf Walfangschiffen. Der namensgebende weiße Pottwal war eine unter dem Namen Mocha Dick bekannt gewordene Kreatur, die es tatsächlich gegeben hat.
F. Scott Fitzgerald verarbeitete in The Great Gatsby in der Figur der Daisy Buchanan seine eigene erfolglose Liebe zu Ginevra King und seine Erfahrungen im Partyleben auf Long Island.
Es ist nur sinnvoll, das eigene Leben und die eigenen aktuellen Probleme als Material fürs eigene Schreiben zu verwenden. Ich denke über das, was mich beschäftigt, nach, setze es in Kontext, suche mir Material dazu heraus und versuche eine Lösung zu finden, die ich dann in einem Artikel präsentiere - so wie ich es jetzt gerade tue.
Ein Aspekt, den ich auch noch betrachten möchte, ist der Umgang damit, nur beschränkt Zeit für das Schreiben zu haben. Beinahe jeder beginnt beim Schreiben mit der Situation, dass das Schreiben in Wahrheit eine Freizeitbeschäftigung ist, denn quasi niemand kann von Anfang an seinen Lebensunterhalt mit dem Schreiben bestreiten. Deshalb muss beinahe jeder den Großteil seiner Zeit für Erwerbsarbeit verwenden, die mit den eigenen Schreibprojekten jetzt nicht unbedingt etwas zu tun haben muss. Anders als hauptberufliche Schriftsteller können wir nicht so viel Zeit und Energie in das Schreiben investieren, was zwangsläufig bedeutet, dass es zu Beginn schwieriger ist, regelmäßig genug Material zu haben, um etwas zu veröffentlichen.
Ein Artikel, der in dieser Hinsicht einen nachhaltigen Eindruck auf mich gemacht hat, ist Lawrence Yeos Create for just one hour each day. Er liefert das eindrückliche Argument, dass, langfristig gesehen, eine Investition von einer Stunde pro Tag in eine kreative Tätigkeit, die einem selbst wichtig ist, eine astronomisch große Rendite abwirft. Das muss nicht unbedingt viel Geld bedeuten. Der Lohn kann auch darin bestehen, dass die eigene Lebensqualität sich verbessert oder man schlicht und ergreifend das gute Gefühl hat, nützlich gewesen zu sein, einen Beitrag geleistet zu haben, dass die Welt ein besserer Ort wird. Die Währung, an der wir uns selbst messen sollten, ist unsere Fähigkeit, verlässlich zumindest diese eine Stunde konzentriert an unserem eigenen Projekt zu sitzen und zu arbeiten.
Dennoch kann man sich auch hier verlaufen. Es kann nämlich durchaus passieren, dass man zwar verlässlich die Zeit und Energie in das eigene Schreiben investiert, ohne eine feste Regelmäßigkeit für die Veröffentlichung aber trotzdem nie etwas veröffentlicht, weil man immer das Gefühl hat, dass das Geschriebene noch nicht fertig, nicht bereit ist. Wir sind sehr wohl in der Lage dazu, uns hier selbst anzulügen, nur um uns die Notwendigkeit zu ersparen, etwas selbst Geschriebenes in die Welt hinaus zu geben.
Hier komme ich wieder zu Noah Smiths Empfehlungen zum Schreiben zurück: Es ist in Ordnung, scheu, ängstlich, peinlich berührt oder ein Perfektionist zu sein, wenn es um das eigene Schreiben geht. Das bedeutet aber leider notwendigerweise auch, dass man dann wohl kein Schriftsteller werden wird - denn das geht nur, wenn wir bereit sind, das eigene Geschrieben auch mit der Welt zu teilen und es der Kritik der Welt da draußen auszusetzen.
Wer Künstler sein will, der sollte sich von der Idee der Perfektion ohnehin besser verabschieden. So sehr wir es auch gerne anders hätten: Es gibt keine Perfektion in der Kunst. Selbst wenn wir an einem Werk arbeiten würden, bis wir sterben, würde es am Ende immer noch Mängel haben. Die Realität des Kunstschaffens ist, dass nach einer gewissen Menge an Arbeit das Werkstück eine Qualität erreicht, die gut genug ist. Wann ist etwas gut genug? Manchmal wird uns diese Entscheidung durch externe Abgabefristen abgenommen, doch im Zweifelsfall müssen wir sie auch selbst treffen können. Die Frage lässt sich nicht endgültig beantworten - aber als Heuristik lässt sich die Idee heranziehen, dass etwas dann gut genug ist, wenn wir zu der Überzeugung kommen, dass selbst eine große Menge an zusätzlich investierter Arbeit die Qualität des Ergebnisses nur noch wenig verbessern wird. Die Fähigkeit, dieses Urteil zu fällen, ist im Endeffekt auch wieder eine Sache der Erfahrung. Leonardo Da Vinci wird folgendes Zitat zugeschrieben: Kunst wird nie fertiggestellt, nur verlassen. Das trifft es gut. Irgendwann kommt der Zeitpunkt, wo wir die Kontrolle über unser Schaffen aufgeben müssen und es in die Welt entlassen. Obwohl wir das Urheberrecht besitzen, gehört es nun nicht mehr uns, sondern der Welt. Abgesehen vom Plagiat ist es den Menschen nun freigestellt, was sie damit machen wollen - mit wem sie es teilen wollen, wie sie darüber denken, in welche eigenen Kunstwerken sie es verarbeiten und wie sie das tun.
Was bleibt uns letztlich? Alles, was wir tun können, ist Zeit und Energie in unsere Werke zu stecken, alles zu lesen, was wir finden können, unsere Arbeit so gut es geht zu versuchen und dann zu akzeptieren, wie es von der Welt aufgenommen wird - und uns gleich an das nächste Werk zu setzen. Das ist das Leben des Schriftstellers - gleich ob Amateur oder Profi.